«Warum haben wir Kinder?»

Helfen Kinder, dem Dasein auf den Grund zu gehen und Glück zu erleben? Sind sie dazu da, einen Zeugen der eigenen Existenz oder gar einen Abdruck im Strom der Zeit zu hinterlassen? Mit ‚Kind‘ verbinden sich heute grosse Erwartungen und unheimlich viele Fragezeichen.

Kinder-Haben und Familie-Sein in westlichen Gesellschaften haben sich nach dem Fall der Männer in den Weltkriegen, infolge von Existentialismus, Frauenemanzipation, Pille und Fortpflanzungstechnik grundlegend verändert. Die tiefe Geburtenrate führt den Sozialstaat und die Volkskirchen im 21. Jahrhundert auf einen schmalen Weg.

Doch neben dem Anspruch auf selbstbestimmtes Leben wird heute zunehmend das Verlangen verspürt, zu einem Grösseren zu gehören und sich in der Familie zu verankern, auch selbst Kinder zu zeugen und aufzuziehen. Dies aus den unterschiedlichsten Beweggründen. Christen sind herausgefordert, aus dem Glauben und ihrer Tradition heraus auf die Frage zu antworten, die Ende 2011 das neue ‚Philosophie Magazin‘ im Dossier aufnahm: „Warum haben wir Kinder?“ Die Umfrage des Magazins in Deutschland ergab drei Hauptmotive: „Das Leben ist schön. Werte sind wichtig. Familie macht glücklich und besteht aus mehr als zwei Menschen.“

Ansprüche
Nach Elisabeth Badinter sind Paare auch heute noch damit konfrontiert, dass Eltern Enkel wünschen. Die französische Philosophin spricht im Magazin von der „universellen Forderung an jede Generation, das von der vorigen erhaltene Geschenk des Lebens weiterzugeben“. Doch Paare, die heute Kinder haben, könnten von diesen viel mehr als frühere Elterngenerationen in die Pflicht genommen werden, mit der unterschwelligen Botschaft: „Du hast mich ja gewollt, also schuldest du mir auch alles.“ Badinter sieht da eine „neue Verantwortlichkeit, die über die Eltern hereinbricht“.

Kind als Gabe Gottes
Wie machen die reformierten Kirchen, die bisher auf die Bildung des Individuums und Selbstbestimmung setzten, unter diesen Umständen Mut zur Elternschaft? Welche Signale senden sie in die säkulare Öffentlichkeit, der die Selbstverständlichkeit des Kinder-Habens abhanden gekommen ist? In christlich-abendländischer Sicht ist jedes Kind eine Gabe Gottes (Psalm 127,3). Die Eltern sind, so das Magazin zum traditionellen abendländischen Verständnis, „stets nur seine Bewahrer, ohne seine Eigentümer zu sein“.

Lieben ohne zu verwöhnen
Das Menschenbild der Bibel und der christliche Glaubensschatz ermächtigt Eltern, zwischen Klippen zu navigieren: Im Vertrauen auf den Vater im Himmel können sie ihre Kinder lieben, ohne sie zu verwöhnen oder zu vergötzen, ganz für sie da sein, sie in Pflicht nehmen und doch freigeben, sie lieben und der Liebe Gottes hinhalten. Gott ruft sie, seine Kinder und durch die Gabe des Auferstandenen wirklich frei zu werden (Römer 8,15-21).