«Digitalisierung macht vor der Kirche nicht Halt»

Gleichgültigkeit in der Gesellschaft, Globalisierung, digitale Umbrüche, Stress: die Kirchen der Schweiz sind vielfach gefordert. Das Institut für Gemeinde und Weltmission IGW bot seinen Studierenden und Interessierten zum 25-jährigen Bestehen am 27. und 28. Januar in der EMK Hunzenschwil Analysen und Zukunftsimpulse. Eine Frage: Wie geht die Kirche mit jenen um, die übers Internet kommunizieren und sie virtuell erleben wollen?

Zu Beginn gibt der Basler Futurologe Andreas Walker eine Aussensicht auf Kirche – insgesamt ein bedrückendes Bild ihrer Irrelevanz für die Schweizer Gesellschaft. Walker lässt die relative Wertschätzung für die Landeskirchen als sozial tätige und kulturell gewichtige Institutionen beiseite und spitzt zu, was Umfragen zu ihrer religiösen Bedeutung ergeben: «Wenn wir in unser Volk hineinhorchen, stellen wir fest, dass die Kirche etwas zum Sterben ist. Wo ist die Kirche zum Leben, fürs Leben vor dem Tod, wenn sämtliche relevanten Lebensbereiche nicht in Zusammenhang mit dem Glauben gebracht werden?»

Keine christlichen Vordenker

Christen würden in der Schweiz nicht als Vordenker wahrgenommen, sagt Walker, man verbinde Zukunft nicht mit dem christlichen Glauben. Als Beispiel führt er die Perspektiven 2030 des Bundes an. Kirche sei darin nicht einmal mehr Herausforderung – «sie ist schlicht nicht vorhanden». Ein Grund: Statt Liebe und Hoffnung zu leben, hätten bibelorientierte Christen viel zu viel Kraft für interne Streitigkeiten um den richtigen Glauben verwandt. «Wenn wir keine Zukunft wollen, werden wir nicht daran teilhaben.»

Christen sollten leuchten in der Welt – und sich vorweg eingestehen, «dass die beiden Marken ‹Christentum› und ‹Kirche› kaputt sind», meint Andreas Walker. Sie sollten sich in Debatten einmischen – dies setze entsprechende Kompetenzen und klare Positionen voraus: Debatten über hohes Alter, Massenmigration, das Menschenbild angesichts von künstlicher Intelligenz und Roboterisierung. «Werden Computer unsere neuen Götzen? Werden wir sie zur Zukunft befragen?» Man werde künftig unterscheiden müssen, «was Schweizer Werte und was christliche Werte sind».

Christentum global

Die Weltbevölkerung wächst (trotz «eindrücklichen Erweckungen» ausserhalb des Westens) schneller als die Christenheit. Daraus folgert der Basler Pfarrer und Missiologe Benedict Schubert: «Auch in der Schweiz wird interreligiöse Nachbarschaft zur Normalität.» Dazu kommt, dass sich der Schwerpunkt der Christenheit nach Süden verschoben hat. «Es gehört zu den Geheimnissen Gottes, dass er seine Kirche wachsen, aber auch schrumpfen lässt.» Die Europäer hätten sich auf eine farbigere Kirche einzustellen, sie sollten Inputs von Überseern annehmen. Und beachten, «dass die wichtigsten Dialogpartner keine Religion haben».

Weiter kommentiert Benedict Schubert die «Pentekostalisierung» des Christentums. Mit der dritten Welle seit den 1980er Jahren sei die Pfingstbewegung über Kirchengrenzen hinweg wirksam. Endlich, so Schubert, sei das Priestertum aller Gläubigen als Versprechen eingelöst (umso befremdlicher ist für ihn Leiterkult in Pfingstkirchen). «Ich erwarte, dass Gottes Windhauch uns ganz erfasst und neu macht» – dass Gefühl und kritischer Verstand belebt werden.

Kirche als Hoffnungsfabrik der Gesellschaft

«Wenn wir Hoffnung vermitteln, bleiben wir wichtig für die Gesellschaft», sagt Catherine McMillan, reformierte Pfarrerin in Dübendorf und Botschafterin des Reformationsjubiläums. «Nur wer fest gegründet ist, kann zuversichtlich in die Zukunft blicken.» Vor 500 Jahren, in einer Zeit voll Angst, hätten die Reformatoren fünf lebenswichtige Wurzeln des Glaubens neu entdeckt (sola gratia, solus Christus, sola fide, sola scriptura, soli Deo gloria). Für heute übertragen: Gratis, glaubwürdig, authentisch, relevant und demütig soll die Kirche sein. McMillan führt die fünf Punkte aus und meint, es sei zu klären, wie solus Christus und die Toleranz in der pluralistischen Gesellschaft zusammengingen. «Wir sind tolerant, aber auch von der Sache Jesu überzeugt.»

Demütige, authentische Kirche: Catherine McMillan (Bild: Chr. Bauernfeind/idea)..

Die Pfarrerin macht Mut, in der Landeskirche mehr von der Bibel zu reden, da das Bibelwissen bei unter 60-Jährigen dahin sei. «Alles ist neu, das hat auch Vorteile. Ich bemerke eine neue Neugierde danach, was überhaupt in diesem Buch steht und ob das Orientierung bieten kann für unser Leben.» Von der Tyrannei des Egos sei zum Wert der Gemeinschaft zurückzukommen.

ICF: sich ständig in Frage stellen

Nic Legler, Geschäftsführer von ICF Zürich, betont in seinem Portrait, ICF sei nach 20 Jahren mit über 300 Kindern nun eine Familienkirche. Das Zueinander von attraktiven Celebrations und vertiefter Gemeinschaft in den 300 Smallgroups sei konstitutiv. Am 29. Januar hat ICF in der neuerbauten Samsung-Halle in Zürich-Stettbach gestartet. Die Freikirche kann nun Räume die Woche über nutzen und hat am Sonntag das Gebäude mit der «modernsten Eventhalle» und der grössten LED-Wand Europas für sich.

Laut Legler stellen sich die Verantwortlichen des ICF «ständig in Frage – wenn du das nicht machst, wirst du irgendwann irrelevant». Millennials wollten nicht unterhalten, sondern in den Gemeindebau eingebunden werden. ICF werde durch die Digitalisierung stark herausgefordert. Digital natives blieben, so Legler, nicht mehr in der Lehre und Gemeinschaft, wie es die Urgemeinde in Jerusalem vorbildete! Wie bemüht sich die Kirche um jene, die übers Internet kommunizieren und sie virtuell erleben wollen?

Kirche für Millennials: Nic Legler.

Unter den Chancen der Digitalisierung führt Legler auf, dass Menschen überall erreicht werden können – auch von einer kleinen Gemeinde. Sie fördere interne Kreativität und Entwicklungsprozesse und ermögliche, Bedürfnissen genauer zu entsprechen. Ganz neue Ansprüche kommen auf die Kirche zu. «Es wird uns wegblasen, was die aufwachsende Generation mit der Muttermilch eingesogen hat.» Millennials wünschten eine «Kultur der Offenheit und Echtheit».


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