«Sola Scriptura» nach 500 Jahren

Die Reformatoren gingen daran, den Glauben allein auf die Heilige Schrift zu gründen. Wie gilt sie demnach? Was bedeutet ihre Normativität fürs Glauben, Denken und Handeln? Damit befassten sich Ende Januar an der Uni Zürich Theologen und Religions-philosophen. Der Fächer wurde zum Judentum und zum Islam hin geöffnet. Fünf Vorträge sind hier kommentarlos zusammengefasst. Der Ansatz der Reformatoren befruchtet Debatten auch heute.

Ulrich H.J. Körtner sprach über «Gott im Wort – Schrift und Offenbarung im Christentum». Christus bedient sich laut dem Wiener Theologen «eines schriftlichen Mediums, um als Abwesender unter den Menschen anwesend zu sein». Wer die biblischen Schriften liest, erfährt ihren « Anredecharakter … im Hier und Heute». Andererseits zeigt sich, dass Gott sich «mit der Verschriftung seines Wortes dem Konflikt der Interpretationen aussetzt, der auch durch keine … Inspirationslehre beendet werden kann».
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Normative Orientierung fürs Handeln
Wie wird ethische Orientierung aus der Bibel gewonnen? Christiane Tietz suchte angesichts des scharf kontroversen Umgangs mit der Schrift in der Bewertung von Homosexualität einen Weg zwischen dem unbedingten Festhalten am Wortlaut und der Abwertung der Bibel als eines Dokuments von bloss kulturgeschichtlichem Interesse. Jesus Christus kann als einheitsstiftender Bezugspunkt der biblischen Texte gelesen werden. Daher können sie nicht beliebig verstanden werden. Der Heilige Geist leitet zum Verstehen an, inspiriert den Leser. Als «zeitübergreifende Grundkonstante», die die Richtung angibt, können Glaube-Liebe-Hoffnung gelten.
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Die Rabbinen und die Worte Gottes
Die Rabbinen sind mit ihrer Heiligen Schrift, dem Tenach, in erstaunlicher Freiheit umgegangen. Shimon Gesundheit erläuterte dies mit Passagen aus dem Talmud, der als «Wirrsal» von Auslegungen und (teils kühnen) Diskussionsbeiträgen zu lesen ist. Wie ein Hammerschlag auf einen Felsen Funken verursacht, vermittelt laut dem Talmud ein einziger Schriftvers viele Lehren, ermöglicht diverse Auslegungen. Zwei konträre Auslegungen können beide wahr sein. Das rabbinische Judentum kennt keinen Bestand anerkannter Glaubensartikel.
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Kühne Auslegungen der Rabbinen: Shimon Gesundheit.

Kein unfehlbarer Schlüssel zur Auslegung
Heiko Schulz befasste sich mit dem Anspruch der Bibel auf unbedingte normative Geltung, aus systematisch-theologischer und religionsphilosophischer Perspektive. Bei Luther ist lehrreich, wie er sich mit sola scriptura doppelt abgrenzt: gegen den objektiven Ungeist des römischen Lehramts und gegen den subjektiven Ungeist schwärmerischer Willkür. Das sola scriptura-Prinzip ist beim Reformator mit der Überzeugung verbunden, dass die Schrift sich selbst auslegt. Aus den modernen Einwänden gegen das Schriftprinzip folgerte Schulz, man müsse «den Anspruch aufgeben, beweisen zu wollen, dass die Schrift Gottes Wort ist», und einräumen, dass man letztlich über keinen unfehlbaren Schlüssel zur Auslegung der Schrift und zur Begründung ihres Normativitätsanspruchs verfügt.
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Als Geliebte lieben, aus der Schönheit Gottes leben
«Die Ableitung ethischer Normen aus Heiligen Texten im christlich-muslimischen Gespräch» reflektierte Klaus von Stosch. Christen sollen gemäss Jesu Worten Gott lieben und den Nächsten lieben. Wie können wir den Anspruch in seiner Radikalität an uns heranlassen und wahrhaft lieben? Wir dürfen Mitmenschen lieben, nachdem wir Gottes Liebe erfahren haben. Aber wo bleibt dabei das Sollen? Eine moderne ästhetische Orientierung der islamischen Ethik schlägt Navid Kermani vor. Davon angeregt, schlug von Stosch vor, auch christlich das Gebot Gottes als Aufforderung zu einer neuen Gestaltwerdung der Kirche zu verstehen.
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Programm der Tagung «Normativität Heiliger Schriften in Judentum, Christentum und Islam»