Reformation in Zürich – fünf Jahrhunderte später

Die Eröffnung des Jubiläums 500 Jahre Reformation in der Deutschschweiz ging am Abend des 5. Januar vor dem Zürcher Grossmünster über die Bühne. Gewissen, Freiheit und Verantwortung standen im Zentrum der Ansprachen von Bundesrat Johann Schneider-Ammann und von SEK-Ratspräsident Gottfried Locher. Die Vertreterinnen von Kanton und Stadt Zürich griffen soziale und kulturelle Aspekte des Umbruchs im 16. Jahrhundert auf.

Gottfried Locher würdigte Zürich als Ausgangspunkt der reformierten Reformation: «Von hier aus ist vor 500 Jahren ein neues, ein helles Licht in die Welt getragen worden.» Aus der Schweizer Reformation sei rasch eine internationale Bewegung erwachsen, sagte der Kirchenleiter. Nirgends so wie in Zürich sei es mit der Erneuerung der Kirche um die Reformation der ganzen Gesellschaft gegangen: politisches Evangelium. Das damals Gesagte müsse für heute übersetzt werden.

Gottfried Locher zog eine Perle aus Zwinglis Schriften: «Wo der gloub ist, da ist fryheit.» Ein Ruck sei damals durchs Land gegangen. Eine Schattenseite der Reformation verschwieg er nicht: die Verfolgung von Täufern (erste Hinrichtung auf den Tag 490 Jahre vor dem Festakt, am 5. Januar 1527!). Heute braucht die Freiheit laut Locher «einen gemeinsamen Willen, sie zu pflegen und zu schützen» – und Verantwortung.

Reformierte hätten den modernen Staat und die liberale Gesellschaft massgeblich mitgeprägt, sagte der SEK-Ratspräsident. Heute stünden sie mit Katholiken, Juden und Muslimen für Freiheit ein. Locher schloss mit dem Appell, Freiheit auch im Wettstreit der Meinungen zu gebrauchen. «Ich rufe Sie auf … mitzuhelfen, dass keine neuen Schatten über dieses Licht kommen.»

Fürs ewige Heil
Bundesrat Johann Schneider-Ammann, der mit Gottfried Locher das Patronat des Jubiläums präsidiert, hielt sich nicht bei Zwingli auf. In seiner Ansprache ging er von Luthers Kampf gegen den Ablass aus. Der Mönch habe einen grossen Markt innert kurzem zerstört. Dabei sei es ihm wie Zwingli und Calvin um viel mehr gegangen – ums Heil. Die Reformatoren hätten die Menschen unmittelbarer zu Gott bringen wollen, sagte der Wirtschaftsminister nach einem Exkurs in die Renaissance. Ja, es habe die Reformation gebraucht, damit die neue Welt entstehen konnte.

Zwingli und Calvin: Sondermünze «500 Jahre Reformation»

Luther habe «ein von kirchlichen und weltlichen Autoritäten unabhängiges Gewissen» wiederentdeckt. Der Bundesrat hob das neue Verhältnis des Menschen zur Umwelt, Selbstverantwortung, Wissensdurst und Innovation hervor: «Zündstoff unserer Freiheit und Wohlstandes». Die Reformatoren hätten die offene Gesellschaft «unbewusst mitbegründet».

Für Schneider-Ammann geht es darum, im aktuellen Globalisierungsschub die Werte der Reformation gegen Obskurantismus, Technologie- und Wissenschaftspessimismus und Antiliberalismus einzusetzen. «Wollen wir wirklich wieder zurück? In eine mittelalterlich anmutende Welt? … Nichts ersetzt die plurale Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft.» Sie sei von jedem wahrzunehmen, mahnte Schneider-Ammann und verwies auf aktuelle Gefahren: dass man sie im Hedonismus ertränke oder an vermeintlich höhere Autoritäten veräussere.

«Zivilisatorische Lerngeschichte»
Den Kanton Zürich vertrat SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr. Das Frauenbild der Reformatoren bezeichnete sie als eine der Schattenseiten der Reformation. Ihre wahre Bedeutung liege darin, dass die Gesellschaft gelernt habe, sich mit dem Bestehenden kritisch auseinanderzusetzen – «und damit wurde die Reformation zu einer immensen zivilisatorischen Lerngeschichte». Dem damals geborenen kritischen Denken verdanke Zürich viel – Fehr verwies auf die ETH. «Die Reformation war eine der markantesten Weggabelungen auf dem Weg zur Moderne.»

Weggabelung zur Moderne: Regierungsrätin Jacqueline Fehr

Stadt und Kanton Zürich und die reformierte Kirche bilden die Trägerschaft des Zürcher Jubiläums. Die Stadtpräsidentin Corine Mauch ging auf die Aufhebung der Klöster in der Reformation ein. Dadurch habe der Rat das Armenwesen neu regeln müssen. Er habe den Mushafen als organisierte Armenspeisung eingerichtet. «Gottesfürchtig und christlich handeln, das heisst immer auch gerecht sein gegenüber den Armen.» Die Neuerung im Armenwesen sei Teil eines grossen Schritts zur Befreiung des Menschen gewesen.

Zwingli wirft noch Schatten
Der Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist, zum Botschafter des Reformationsjubiläums ernannt, drückte dem Abend seinen Stempel auf: Geladene Gäste und Besucher hatten eine Stunde bei Minustemperaturen vor dem Grossmünster auszuharren. So konnten sie gleich nach dem Festakt, mit einer Körperdrehung, den ersten «Schattenwurf Zwingli» des Lichtkünstlers Gerry Hofstetter erleben: Auf Hausfassaden beidseits der Limmat und den Turm von St. Peter wurden Bilder des Reformators und des Schattens seines Denkmals aus dem 19. Jahrhundert projiziert.

Zwingli - über die Limmat projiziert

Der «Schattenwurf» soll 2017 an jedem ersten Tag des Monats stattfinden – an zwölf Orten, an denen Zwingli lebte und arbeitete – und von Sofagesprächen begleitet sein. Das erste von ihnen moderierte Sigrist nach dem Festakt im Grossmünster zu «Neugeburt». Erhellendes zur Reformation kam dabei nicht heraus.

Dokumentation von Festakt und Medienkonferenz mit Ansprachen
Eröffnungstage im Hauptbahnhof: Reformierte und Täufer an einem Tisch