Streit um die Zürcher Kirchenordnung

In der Zürcher Landeskirche bekämpft ein Nein-Komitee die Teilrevision der Kirchenordnung. Die Reformierten des Kantons stimmen am 23. September über sie ab. Es geht um Pfarrstellenkürzungen für Landgemeinden, um Zentralisierung und um Kundenorientierung vs. reformiertes Profil. Der Kirchenrat will die Kirchgemeinden zu Zusammenschlüssen bewegen. Für die Gegner geht ein Graben zwischen Stadt und Land auf.

Die Zürcher Landeskirche revidiert ihre Kirchenordnung von 2009. Der Hauptpunkt: Gemeindepfarrstellen sollen künftig im Grundsatz linear zugeteilt werden (10 Prozent für 200 Mitglieder), mit zusätzlichen Prozenten für grosse Gemeinden. Dadurch würde das Pfarramt in vielen Gemeinden mit weniger als 2‘000 Mitgliedern ab 2024 drastisch geschwächt. (Die Artikel der Teilrevision mit den Erläuterungen des Kirchenrats als PDF.)

Der Kirchenrat und die Kirchensynode setzten die Zukunft der Landgemeinden aufs Spiel, kritisierte das Nein-Komitee am 23. August vor den Medien. Die Teilrevision schwäche die Kirche als ganze, indem sie einen Graben zwischen Stadt und Land aufreisse. «Wenn die Kirche aus dem Dorf verschwindet, stirbt das Dorf», zitierte Carola Heller aus Fischenthal vom Komitee einen Satz, über den sie vor Jahrzehnten lächelte und den sie nun plötzlich versteht. (Website des Nein-Komitees)

Glaube an Grösse und professionelle Verwaltung
Hinter der umstrittenen Neuerung steht die Annahme des Kirchenrats, die Zukunft der Zürcher Reformierten liege in professionell verwalteten regionalen und Grossgemeinden. Als Zielgrösse gab der Kirchenrat 2012, als er den Prozess «KirchGemeindePlus» lancierte, 5‘000 bis 7‘000 Mitglieder an. Die Zahl der Kirchgemeinden könne von über 160 auf ein Viertel schrumpfen, hiess es später.

Doch Anläufe wie jener zu einer Bezirksgemeinde Hinwil (über 30‘000 Mitglieder) scheiterten. In einer Vernehmlassung 2017 zog die Mehrheit der Kirchgemeinden ausserhalb der Stadt Zürich die Zusammenarbeit dem Zusammenschluss vor. Dort, wo sie erfolgten, haben Fusionen, wie Pfr. Ivan Walther vom Nein-Komitee sagte, Kirchgemeinden zu Baustellen verkommen lassen. KirchGemeindePlus erweise sich als Kirchgemeinde minus.

Die Oberländer Bezirkskirchenpflegerin Carola Heller und Pfr. Ueli Schwendener aus Zürich schilderten den Unwillen von Reformierten im Dorf und in der Stadt, für den Gottesdienst anderswohin aufzubrechen. Ihrer weitläufigen Kirchgemeinde drohe die Kürzung des Pfarramts von 100 auf 60 Prozent, sagte Heller. «Wie soll da unser engagiertes Pfarrer-Ehepaar weiterarbeiten?» Wenn der Gottesdienst am Ort nur noch sporadisch stattfinde, gingen die Freude am Wort Gottes und die sonntäglichen Kontakte verloren. Auch die Disziplin des Kirchgangs.

«Babylonischer Turmbau» in Zürich: Pfr. Ivan Walther vom Nein-Komitee.

Fusionsdruck per Kirchenordnung
Mit der Teilrevision erhöht die Kantonalkirche über das Steuerungsinstrument der Pfarrstellen den Fusionsdruck. Die zusätzlichen Stellenprozente bei über 2‘000 Mitgliedern sind ein Zückerchen für fusionierende Gemeinden. Dies liess sich den Aussagen von Kirchenratspräsident Michel Müller vor den Medien am 21. August entnehmen. Laut Müller muss die Landeskirche angesichts des anhaltenden Mitgliederverlusts «strukturellen Raum schaffen» und Kräfte bündeln.

Widerstand aus allen Fraktionen der Synode
Doch die neue Pfarrstellenzuteilung – ein Hauptstück der Teilrevision – stiess vielen Synodalen sauer auf. Im gewöhnlich kirchenratsfreundlichen Gremium kamen die 23 Nein-Stimmen (bei 71 Ja) in der Schlussabstimmung aus allen Fraktionen, die Hälfte stammte aus der Evangelisch-kirchlichen Fraktion.

Die vorberatende Synodal-Kommission hatte im Winter keine Alternative zum kirchenrätlichen linearen Modell gefunden. Im Plenum, das unter Zeitdruck beriet, ging endlich ein Antrag hauchdünn durch, allen Gemeinden (auch den kleinsten) 50 Stellenprozente zu garantieren. Dass dies den fürs Ganze der Landeskirche wichtigeren kleinen und mittleren Gemeinden gar nicht hilft, verstärkt die Sorge und die Frustration.

«Wie soll unser Pfarrer-Ehepaar weiterarbeiten?» Carola Heller.

Keine qualitativen Kriterien
Frustriert waren manche Synodale auch darüber, dass sich der Kirchenrat in der Debatte am 10. April weigerte, neben der Mitgliederzahl weitere Kriterien für die Ressourcenzuweisung zu akzeptieren. Das heisst: Gemeinden mit 25 Konfirmanden, mit vielen Freiwilligen-Teams oder einer weitläufigen Siedlungsstruktur erhalten deswegen nicht mehr Stellenprozente. Die Landeskirche verzichtet mithin darauf, besonders geforderte und aktive Gemeinden zu belohnen. (Dagegen wird die durch die Megafusion entstehende Stadtkirche Zürich, die mit Unternehmenssteuern wohl versehen ist, viele zusätzliche Pfarrstellen zugesprochen erhalten!)

Überdies wies der Kirchenrat das Ansinnen ab, die vielen Pfarrämter in Spitälern, Heimen und anderen Institutionen, die ihm direkt unterstehen, in die Berechnung des Pfarrstellenetats (den die Kirchensynode künftig global beschliessen wird) einzubeziehen. All dies lässt es als gewiss erscheinen, dass Landgemeinden die Hauptlast werden tragen müssen, falls die Finanzen zurückgehen oder gar (wegen der Unternehmenssteuerreform) nach 2020 einbrechen.

Zentralisierung
Mehrere Änderungen der Kirchenordnung zentralisieren Kompetenzen, vor allem beim Kirchenrat, aber auch (wie die Theologische Fakultät zum Revisionsentwurf bemerkte) bei der Kirchenpflege. So wird die Kirchenpflege künftig die von der Landeskirche gewährten Stellenprozente auf die Pfarrpersonen aufteilen.

Zum Streit Anlass gibt der Zuwachs der kirchenrätlichen Kompetenzen, den das Nein-Komitee als unreformiert, unnötig und schädlich taxiert. Der Kirchenrat darf künftig in eigener Kompetenz deutlich mehr Geld ausgeben. In einem Jahr kann er insgesamt Ausgaben und Einnahmenausfälle bis zu zwei Millionen Franken beschliessen (der Kirchenrat hatte vier Millionen beantragt; bisher hatte er eine Million).

Vielfalt nach kantonalkirchlichen Kriterien
Weiter kann die kantonalkirchliche Exekutive den Kirchgemeinden künftig vorschreiben, wie sie Vielfalt im kirchlichen Leben nach «lebensweltlichen» Gesichtspunkten zu fördern haben. Vorschriften (bisher: Richtlinien) erlassen kann der Kirchenrat auch zum Raumbedarf der Kirchgemeinden und ihrem Gebäudeunterhalt.

Die Kirchgemeinden müssen künftig – ob sie wollen oder nicht – «reformiert.» als die Mitgliederzeitung der Landeskirche ihren Mitgliedern zustellen und die Kosten tragen. (Einige Gemeinden haben eigene Publikationen.) Neu haben die Gemeinden Daten für ein kantonalkirchliches Mitgliederregister zu sammeln.

Kirchenrat Andrea Bianca mit Synodalen nach der Debatte.

Als Schritt zur «Verwaltungskirche» kritisiert das Nein-Komitee den neuen Artikel über Kirchgemeindeschreiber. Der Kirchenrat will den neuen Beruf gleich mit Antragsrecht in der Kirchenpflege versehen. Dies kompliziert in den Augen des Komitees die Gemeindeleitung, die bisher im Miteinander von Kirchenpflege, Pfarrschaft und Gemeindekonventsvertretung geschieht.

Kundenorientiert taufen, trauen und Abdankungen halten
Diese letzte Neuerung soll es der Kirche auch erleichtern, Kontakt mit ihren passiven, distanzierten Mitgliedern aufzunehmen. Die «Mitgliederorientierung» stand im Zentrum der Ausführungen von Kirchenrat Andrea Bianca am 21. August. Bianca stellte die Frage, welchen Einfluss die «grosse Mehrheit der Passivmitglieder» auf die Entwicklung der Kirche nehmen könne. Der Kirchenrat versuche, so Bianca, «einen move zu machen weg von einer nur auf die aktive Kerngemeinde ausgerichteten Kirche», damit die Passivmitglieder mehr zum Zug kämen. (Dieses Ziel findet sich nicht in den aktuellen Legislaturzielen des Kirchenrats.)

Nein zur «anonymen Verwaltungskirche»: Cartoon der Gegner.

Konkret sollen die Mitglieder bei Taufe, Trauung und Abdankungen mehr Einfluss erhalten: Bei Taufen können sie mit ihren Begründungen, bei Trauungen mit ihren Anfragen und bei Todesfällen mit den Wünschen des Verstorbenen mitbestimmen, wann und wo die Feier stattfinden soll. Laut Bianca kann die Kirche den Bedürfnissen von Mitgliedern entgegenkommen, indem der Pfarrer und die Pfarrerin solche «primär familiär und biografisch geprägten Anlässe» ausserhalb der Kirche und zu besonderen Zeiten durchführen. Der Kirchenrat sprach von einem Perspektivenwechsel; dieser dränge sich angesichts der säkularen Konkurrenz durch Ritualanbieter auf.

Das Nein-Komitee wendet sich gegen diese Änderungen, die schon in der vorberatenden Synodal-Kommission stark umstritten waren und auch im Plenum Dutzende Gegenstimmen erhielten. Mit einer derartigen Kundenorientierung werde das reformierte Profil verwischt, welches der Gottesdienst-Gemeinde Priorität gibt. (Zur Taufe reichte die Evangelisch-kirchliche Fraktion im Frühjahr eine Interpellation ein; der Kirchenrat hat die Fragen inzwischen beantwortet.)
 

Informationen des Kirchenrates
Website des Nein-Komitees