Europas Ringen um Erlösung

Aus der Menge der deutschen Bücher zum 16. Jahrhundert ragt Thomas Kaufmanns neue Reformationsgeschichte «Erlöste und Verdammte» heraus. Das gehaltvoll illustrierte Werk bildet den Umbruch der Christenheit und Staatenwelt Europas nach 1500 packend ab.

«Am Anfang war Luther»: Kaufmann zeichnet den Bettelmönch aus Wittenberg als Theologen, der «um sein Leben schrieb», woraus in einer Zeit der Ängste und Aufbrüche eine grundstürzende Bewegung entstand. In der Darstellung der frühen Jahre finden sich immerhin zehn Seiten zur «Zürcher Stadtreformation». Auf 150 Seiten wird die Zeit von 1530 bis 1600 lebendig, Festigung und Kämpfe, die Reformation ausserhalb des deutschen Sprachraums, die internationale Ausstrahlung des reformierten Zweigs, das Konzil von Trient, Täufer und Mystiker.

Wie viele Fäden der Göttinger Historiker verwebt, mag ein Zitat über das Toleranzedikt von Nantes 1598 verdeutlichen: «Das presbyterial-synodale Organisationsmodell des französischen Protestantismus verband in einzigartiger Weise ortsgemeindliche Autonomie mit gesamtkirchlichen Strukturen. Für ein gutes halbes Jahrhundert sicherte das Edikt des ehemaligen Glaubensbruders Heinrich von Navarra, dass die Reformierten als tüchtige Handwerker, produktive Unternehmer, erfolgreiche Finanzakteure und geistreiche Gelehrte zu nützlichen, der Krone loyal ergebenen Gliedern der französischen Gesellschaft avancierten.»

Jubiläen stiften Identität
Kaufmann rundet seine facettenreiche Darstellung mit einem Überblick über den Umgang der Nachgeborenen mit der Reformation ab. 1617 gestalteten die deutschen Protestanten das erste «Jubiläum» im modernen Sinn; die Feier wurde prägend für die Erinnerungskultur der Neuzeit. Das Luther-Gedenken wurde von Politik und Kirche verzweckt, bis hin zur Instrumentalisierung durch Nazis und die SED. Durch die Luther-Renaissance des frühen 20. Jahrhunderts wurde die Rechtfertigungslehre «zum Dreh- und Angelpunkt der Reformationsdeutung». Zum Freiheits-Akzent, den die EKD daraus ableitet, markiert Kaufmann Distanz.

Die Erfindung des Worts vom Apfelbäumchen (vermutlich 1944) und seine Verwendung durch die ökologisch Bewegten zeigt dem Autor die anhaltend identitätsstiftende Funktion Luthers für die Deutschen. Andererseits wurde seit 1989 – auch durch sozialgeschichtliche Forschungen – «‹die› Reformation als ein relativ einheitlicher, historisch kohärenter Sachverhalt aufgelöst». Am Ende steht die Frage, welche Chancen für heute in den Anfängen, im «frühlingshaften Aufblühen der Reformation» liegen könnten. Etwa «eine bunte, vielstimmige Sprache, die aus der Begegnung mit dem biblischen Wort erwächst und Herzen und Hirne erreicht»?


Thomas Kaufmann:
Erlöste und Verdammte
Eine Geschichte der Reformation
C.H. Beck, München, 2016, 20172. 978-3-406-69607-7