«Evangelisch im Haus der Religionen»

In der interreligiösen Begegnung geht es auch um ein «Verstehen der Verschiedenheit, um ein Erkunden der Fremheit anderer Glaubenswelten und Lebensorientierungen». Dies sagte Prof. Reinhold Bernhardt in einem Vortrag an der Tagung europäischer Synodaler der GEKE, die vom 10. bis 12. März in Bern stattfand. Verbindend sei keineswegs nur die Gemeinsamkeit. «Mindestens ebenso sehr kann es verbinden, die Unterschiede klar ins Auge zu fassen, sie aber nicht als trennende Abgründe anzusehen.»

Bernhardts Vortrag mündete in ein Plädoyer für interreligiöse Gastfreundschaft. Im Unterschied zum Dialog findet das Treffen nicht an einem neutralen Ort statt und es gibt klar verteilte Rollen. Der Basler Theologieprofessor zitierte das EKD-Papier Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive. Das Modell der Gastfreundschaft scheine die jeweiligen Identitäten der sich Begegnenden besser zu warhen als jenes des Dialogs. «Es scheint mehr auf das Leben in all seiner Fülle und weniger auf den intellektuellen Austausch über Lehrinhalte ausgerichtet zu sein.»

Zu Gastfreundschaft und Dialog steht Mission laut Reinhardt in einem komplementären Verhältnis. «Jeder existentielle Dialog hat etwas Missionarisches.» Er bezeichnete es als evangelische Grundüberzeugung, dass es für den Empfang der «freien Gnade Gottes» (Leuenberger Konkordie) auf Seiten des Menschen keine Bedingung gebe. «Wenn es keine Bedingung für diese Gnade gibt, dann auch nicht die Bedingung einer bestimmten Religionszugehörigkeit»!

Auf dieser Linie liegt laut Bernhardt das Papier der Arbeitsgruppe «Pluralität der Religionen», das für die nächste Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa GEKE in Basel 2018 erstellt wird. Evangelisch zu sein im Haus der Religionen (das Berner Haus der Religionen wurde von den 100 Teilnehmenden der Tagung besucht) heisse, gegen religiöse Engherzigkeit anzutreten, «selbstbewusst den eigenen Glauben zu leben und daraus Kraft zu schöpfen für die Auseinandersetzung mit allem, was der radikalen Gnade Gottes entgegensteht. Und es heisst, damit zu rechnen, dass sich diese Gnade in Gestalten ereignen kann, die den eigenen Erwartungshorizont übersteigen.»

Vgl. Bericht und Thesen zum interreligiösen Gespräch der LKF-Tagung 2009