Kirchen-Experimente!

Kirchen-Experimente sind Initiativen von unten, wie der Bericht von Spiis&Gwand in Oftringen zeigt. Ein engagiertes Team um Sonja Neuenschwander ist seit 13 Jahren an der Arbeit.
Fürs Gedeihen bedürfen Experimente auch der Unterstützung der Kirchenleitung. Wir haben unserem Referenten in Basel, Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel aus Erfurt, vorab Fragen gestellt. Er lebt mit den Herausforderungen der Kirche im Osten Deutschlands.

LKF: Thomas Schlegel, wir freuen uns auf die Tagung in Basel, an der Sie referieren. Sie sind der Chef für Experimente in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKMD) …
Thomas Schlegel:
Nein! Ich bin offiziell der Projektleiter für das Programm Erprobungsräume. Und das heisst auch nur, dass bei mir die Fäden zusammenlaufen. Dem Thema Innovation haben sich mehrere bei uns verschrieben – auch nicht wenige aus der Kirchenleitung. Sonst würde sich ja auch nichts ändern.

Und: Wir brauchen Innovationen an verschiedenen Stellen unserer Institution – in der Verwaltung, im Gottesdienst, beim Verständnis von Ehrenamt usw. Die Erprobungsräume sind nur ein Ort, wo wir experimentieren.

Was muss man sich unter Erprobungsräumen vorstellen? Wie viele gibt es in Ihrer Kirche?
In Erprobungsräumen sollen «andere Sozialformen von Kirche erprobt werden». «Andere» bezieht sich nicht unbedingt auf Symbolik, Theologie oder Bekenntnis, sondern eher auf die volkskirchlichen Organisationsprinzipien.

Die Grund-Merkmale Parochie (Ortsgemeinde), hauptamtlicher Pfarrer und Gebäude werden an einer Stelle ausser Acht gelassen, wie zum Beispiel in einer Jugendkirche: Ihre Zielgruppe sind nicht die Kirchenmitglieder des Pfarrbereichs, sondern Jugendliche in der Region. Inzwischen gibt es 33 Erprobungsräume, in Stadt und Land.

Thomas Schlegel.

Was treibt Sie um?
Wir sind momentan dabei, eine Überblicksbroschüre über die Erprobungsräume zu erstellen; da kommen die neuen Gemeindeformen selbst zu Wort und können darüber berichten, was ihnen wichtig ist.

Was uns aber noch mehr umtreibt, ist die Frage der Nachhaltigkeit. Kann man so etwas wie Innovationen wieder zurückholen? Wenn man einmal die Tür dazu aufgestoßen hat, gibt es doch kein Zurück mehr?

Neulich fragte mich ein Pionier in Weimar: «Wozu machen wir das alles? Nur, um herauszubekommen, was geht? Das brauche ich nicht mehr. Da habe ich genug Erfahrung. Was ist mit den Menschen, die Hoffnung geschöpft haben, den Mitarbeitern, die ihr Herzblut reingesteckt haben?»

Eigentlich hat unser Prozess Erprobungsräume nur eine Laufzeit von sechs Jahren. Aber wir merken: Auf beiden Steuerungsebenen ist das eigentlich viel zu wenig.  Da 2021 Schluss sein soll, müssen wir uns jetzt Gedanken um das Danach machen.

Was für Erfahrungen machen Pioniere in der EKMD?
Natürlich unterschiedliche. Aber etliche haben Gesprächsbedarf und signalisieren: wir brauchen Begleitung. Der Pfarrer hat seinen Konvent, die Lektoren treffen sich auch ab und an; aber wen trifft eigentlich der Pionier?

Was in der Kirche und ihren Strukturen hemmt Experimente – wie wird es überwunden?
Bürokratische Auflagen, zerteilte Zuständigkeiten, institutionelle Reflexe der Kontrolle, business as usual, festgefahrene Wege usw. Vor allem das Klima. In manchen Pfarrkonventen erzählen die Kollegen nichts von den tollen Sachen, die bei Ihnen vor Ort laufen. Sie fürchten Neid oder einfach nur, dass sie belächelt werden. Diese Kultur ist tödlich. Aber bei jungen Kollegen ändert sich was. Unsere Bischöfin ermutigt jeden neu Ordinierten in einem persönlichen Gespräch.

Wie fördern Sie Freiwillige?
Unterschiedlich. Es gibt eine fein elaborierte Prädikantenausbildung. Aber in Sachen Pioniers-Ausbildung für  Ehrenamtliche stehen wir noch am Anfang. Immerhin: Einige, die sich hauptamtlich dazu haben ausbilden lassen, starten jetzt eine Initiative.


Flyer der Tagung Kirchen-Experimente am 3. November in Basel