Fallstricke der Religionskunde

Welche Behandlung von Religion in öffentlichen Schulen hilft dem Gemeinwesen? Ein Podium in Zürich zeigte: Wird Religiöses im Klassenzimmer hart gezähmt oder zahnlos und oberflächlich vermittelt, droht es ausserhalb zu wuchern.

Auf Einladung des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog diskutierten am 6. Februar Andreas Kyriacou, Präsident der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, und der katholische Religionspädagoge Dr. Andreas Kessler, der an der PH Bern das Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft lehrt. Die SRF-Redaktorin Judith Wipfler befragte sie unter dem schlagseitigen Titel «Wieviel Religion erträgt die Schule?».

Der Lehrplan 21 sieht erst für die Sekundarstufe ein Fach «Ethik Religionen Gemeinschaft» vor; in der Primarschule ist es ins Belieben des Lehrers gestellt, wie er Religion im Fachbereich «Natur Mensch Gesellschaft» thematisiert. In Zürich hingegen soll das (nach einer Unterschriftensammlung der Kirchen) eigens entwickelte Fach «Religion und Kultur» unter der Bezeichnung «Religionen, Kulturen, Ethik» in der Primarschule mit einer Lektion pro Woche und in der 7. und 8. Klasse mit zwei Lektionen unterrichtet werden.

Andreas Kessler billigte dem Fach mit seiner an Lebenswelten orientierten Didaktik Pioniercharakter zu. Allerdings werde dabei zu stark auf fünf Weltreligionen fokussiert. Das fürs Fach geschaffene Zürcher Lehrmittel «blickpunkt» sei zu zahnlos. Spannungen innerhalb der Religionsgemeinschaften würden nicht dargestellt.

Im Sekundarschulband (der den fünf Religionen je gleich viele Seiten gibt) finde sich im Kapitel übers Christentum kein einziger christlicher Text, kritisierte Kessler. «Die Konfrontation mit dem Text findet nicht mehr statt.» Eben dies wäre wichtig – «sonst hat man keine Ahnung, was diese religiösen Menschen umtreibt! So stirbt für mich der Gegenstand Religion.» Die Bergpredigt sollte in der Oberstufe einmal ganz gelesen werden.

Kyriacou stellte den Modellcharakter der Zürcher Religionskunde in Abrede. «Dieses Fach hat so viele Chancen verpasst.» Die Religionslosigkeit werde nicht angemessen thematisiert. Für die Gesellschaft sei es nicht wichtig zu wissen, wann orthodoxe Christen Weihnachten feiern. «Wie kommen diese Traditionen zustande? Wie vergehen sie?» – dies interessiere die Kinder.

Wenn im teaching about religion diverse, auch östliche Religionen behandelt werden müssen, bleibt für die einheimische Tradition wenig Zeit. Laut Kessler verstärkt die Kurzdarstellung die Klischees über Religion; das sei kontraproduktiv. Der rationalistisch-naturwissenschaftliche Zugang zur Welt und andere, etwa der künstlerische, poetische seien einander gegenüberzustellen.

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