Der Heilige der Schweizer

Die Schweiz gedenkt 2017 auch ihres Heiligen Niklaus von Flüe, der 1417 geboren wurde. Das grosse Buch dazu ist eben erschienen: Mystiker, Mittler, Mensch – 600 Jahre Niklaus von Flüe. Der fein durchgestaltete Band versammelt über 60 gut lesbare Beiträge zur Person von Bruder Klaus, zur Frömmigkeit und dem Wirken des Gottsuchers sowie zur Verehrung und Instrumentalisierung als Leitfigur der Eidgenossenschaft.

Die Beiträge sind – nach dem Meditationsbild des Einsiedlers – in sechs Speichen gegliedert: Dem grundlegenden, knapp zusammenfassenden Überblick aus der Feder des Biografen Roland Gröbli folgen heutige Annäherungen an Klaus und seine Frau Dorothee Wyss (Speiche I: Dialog) und Streiflichter auf die Verehrung des Heiligen über Landes- und konfessionelle Grenzen hinaus (Speiche II: Verehrung). Niklaus‘ mystische Frömmigkeit und zur Tat bereite, auf Frieden gerichtete Spiritualität kommen aus verschiedenen Blickwinkeln zur Sprache (Speichen III und IV: Religion, Mystik). Auf die Speiche V Kunst – etwa mit der Feststellung, Bruder Klaus eigne sich nicht für Film und TV – folgen historische Studien und Skizzen (Speiche VI: Wissenschaft).

Mehrere Autorinnen und Autoren widmen sich Dorothee Wyss, der Ehefrau von Niklaus von Flüe, die sich mit dem Weggang ihres Mannes in die Einsiedelei einverstanden erklärte und ihm, so die Überlieferung, dafür ein Kleid wob. Klara Obermüller sucht zu ergründen, was dies die beiden Eheleute kostete. Aus den vielen lesenswerten Beiträgen stehen jene heraus, die Niklaus‘ kraftvolle, ernste Spiritualität, die einzigartige Verbindung von Mystiker und Politiker und seine nachhaltige Wirkung auf die nach 1531 konfessionell gespaltene Eidgenossenschaft thematisieren. Erfreulicherweise sind Texte von Romands, Franzosen und Tessinern (übersetzt) aufgenommen.

Eva-Maria Faber bezieht «Radikalität und Freundlichkeit“ von Bruder Klaus aufeinander, als Frucht der «vorbehaltlosen Suche nach der eigenen Berufung“. Urs Altermatt skizziert Bruder Klaus als «polyvalente Erinnerungsfigur, Mythos und Faszinosum“ der Eidgenossen. Pirmin Meier schreibt von «Tells Freiheit und Bruder Klausens Friede».

Bernhard Rothen erläutert Bruder Klaus‘ Brief an die Ratsherren von Bern, in dem sich der Satz findet: «Friede ist stets in Gott, denn Gott, der ist der Fried, und Fried mag nicht zerstört werden, Unfried aber würde zerstört. Darum sollt ihr schauen, dass ihr auf Fried abstellt, Witwen und Waisen beschirmet …»

Ein in vielen Hinsichten wichtiges Buch, das aus säkularer Oberflächlichkeit herausruft. Gottfried Locher und Bischof Charles Morerod haben das Geleitwort verfasst; laut den Herausgebern spricht «der sperrige, gottsuchende Eremit … Menschen aller konfessionellen Traditionen an und ist auch spirituelle Leitfigur für Menschen, die ausserhalb religiöser Gemeinschaften stehen».

Gesondert erscheint 2017 im TVZ Zürich Fritz Gloors Studie über den «Landesheiligen zwischen den Konfessionen». Bruder Klaus und die Reformierten thematisiert die gespaltene Wahrnehmung des Einsiedlers vom Ranft: Galt er Katholiken «als eucharistischer Heiliger und Prophet der Glaubensspaltung, betonten die Reformierten primär seine zivilreligiöse Rolle als Mahner zu politischer Einigkeit». Gloor stellt die reformierte Perspektive auf Niklaus von Flüe aufgrund zahlreicher kaum bekannter Quellentexte erstmals zusammenhängend dar.
 

Roland Gröbli, Thomas Wallimann-Sasaki, Heidi Kronenberg, Markus Ries (Hg.):
Mystiker Mittler Mensch. 600 Jahre Niklaus von Flüe
TVZ/NZN, Zürich, 2016. 978-3-290-20138-8

Fritz Gloor:
Bruder Klaus und die Reformierten. Der Landesheilige zwischen den Konfessionen
TVZ, Zürich, März 2017. 978-3-290-17891-8