• Das neue Leben feiern

    Christus schenkt sich uns. Dabei bleibt das Abendmahl ein Geheimnis. Der Zürcher Liturgiker PD Dr. Luca Baschera skizziert im Interview den reformierten Beitrag zum Verständnis des Abendmahls und zu seiner würdigen Feier. Er appelliert an die Reformierten, das Abendmahl häufiger zu feiern als Nahrung für den Glauben, als Stärkung des inneren Menschen auf dem Weg.

    LKF: Was geschieht im Abendmahl?
    Luca Baschera:
    Traditionell nennt man das Abendmahl ein Sakrament. Aber was ist ein Sakrament? Von den reformierten Reformatoren im 16. Jahrhundert hat sich Heinrich Bullinger bewusst des Begriffs symbolon bedient. Er knüpfte dabei an bei den griechischen Kirchenvätern, namentlich Irenäus von Lyon (gest. um 200). symbolon meint vom Wortsinn her (syn-ballo, zusammenwerfen) das Zusammentreffen zweier Dinge, beim Sakrament speziell -– so Irenäus -– eines himmlischen und eines irdischen.

    Das Abendmahl ist weder ein Ding noch ein Zeichen, sondern es ist eine Handlung. In ihr kommen zwei Aspekte, zwei Wirklichkeiten zusammen, das Zeichen und das Bezeichnete: zum einen die irdische Wirklichkeit von Brot und Wein und den Menschen, die damit etwas tun. Das andere, die himmlische Wirklichkeit, ist Jesus Christus selbst, als wahrer Mensch und wahrer Gott, als Auferstandener, der in dieser Feier durch die Wirkung des Heiligen Geistes präsent wird und als präsent erfahren wird von den Feiernden. (Inwiefern diese dann von sich sagen würden, dass sie diese Präsenz erfahren haben, steht noch offen.)

    Der springende Punkt ist der Heilige Geist. Die sakramentale Handlung ist ein symbolon. Dass dieses Zusammentreffen geschieht, ist dem Wirken des Heiligen Geistes zu verdanken. Es kann nicht erzwungen, aber er kann erbeten werden. Darum ist das Gebet um die Herabsendung des Geistes (Epiklese) so wichtig: damit der Geist Gottes selbst wirksam werde, so dass das, was wir tun, sagen und teilen, wirklich zum symbolon wird, indem die zwei Wirklichkeiten zusammenkommen.

    Im Hintergrund steht der urbiblische Glaube, dass Gott sich an das hält, was er zugesagt hat, und als unter seinem Volk gegenwärtig erlebt werden kann.
    Ja. Wie auch Jesus es bestätigt hat mit dem Wort: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen» (Matthäus 18,20).

    Das lateinische sacramentum steht für das griechische mysterion. Was tut die Theologie angesichts des Geheimnisses?
    Würde sie den Anspruch erheben, das Geheimnis zu lichten und zu erklären, wäre sie keine christliche Theologie mehr. Sie ist eine liebende Reflexion auf das Geheimnis, um es zu wahren. Auch christliche Dogmen erklären übrigens nicht, was Gott ist und wie es sich mit Christus verhält, sondern sind eher Versuche, vorschnelle Erklärungen abzuwehren. Deutlich wird dies in der Formel von Chalkedon (451), dass die beiden Naturen in der Person Christi unvermischt und ungetrennt sind. Das ist keine Definition, sondern ein Weder-Noch: Die Formel sagt nicht was, sondern wahrt das Geheimnis und wehrt Missverständnisse ab.

    Und das haben die reformierten Theologen auch beim Abendmahl versucht?
    Das kann man so sagen. Denn im Abendland war das Verständnis, dass zwei Wirklichkeiten zusammenkommen, abhandengekommen. Die katholische Kirche lehrte die Transsubstantiation und betonte die Präsenz im Element. Seit dem 8. Jahrhundert wurde darauf insistiert, dass im konsekrierten Brot, der Hostie, der Leib Jesu Christi wirklich, leiblich präsent ist. Man sah einen Gegensatz von symbolice und realiter, den die antiken Theologen nicht gekannt hatten. Das westliche Mittelalter dachte: Was symbolisch ist, kann nicht wirklich real sein. Doch wollte man unbedingt an der leiblichen (nicht sichtbaren) Realität festhalten. Die Hostie bleibt in bestimmter Hinsicht, was sie ist –- aber zugleich wird sie dem Wesen nach zum Leib Christi.

    Luther und seine Mitstreiter wollten an diesem Gedanken -– allerdings ohne spekulativen Ballast -– festhalten, wenn sie sagten, dass «in, mit und unter» Brot und Wein Leib und Blut Christi real da sind. Für die Reformierten war das eine viel zu starke Konzentration auf die Elemente: Das Sakrament war insofern kein Sakrament mehr, als das Himmlische sozusagen in das Irdische hineinprojiziert, hineingedrückt wurde und es nicht mehr zwei Wirklichkeiten gab, die im Zusammenkommen doch zwei blieben.

    Nach reformierter Kritik wird im lutherischen Verständnis das Sakrament zur Sache: Das Brot, das Bezeichnete, wird zur bezeichneten Sache. Die Reformierten wollten nicht nur die Sache haben, sondern beides -– aber als symbolon, als Zusammentreffen von Zeichen und Bezeichnetem, nicht als Verwandlung des Zeichens in das Bezeichnete.

    Wo liegen die Hintergründe für diese Kluft zwischen den Reformatoren?
    Es gab mittelalterliche Theologen, die sich auf die Elemente sozusagen als Behälter von Leib und Blut Christi konzentrierten. Dagegen sahen andere kein Problem darin, an der Unterscheidung festzuhalten, ohne aber deswegen auf die Wirklichkeit der Gemeinschaft mit Christus verzichten zu wollen. Zwei Debatten im 8. und 11. Jahrhundert trugen dazu bei, dass die Kirche die Präsenz im Element betonte. Doch ich würde nicht sagen, dass dies im Westen schon immer der Fall gewesen war. Das Verständnis war offen; es dauerte Jahrhunderte, bis die Transsubstantiation 1215 zum Dogma erhoben wurde.

    Die Debatten liegen für uns weit zurück. Wie fassen Sie die Entwicklung in der Neuzeit zusammen?
    Im 18. Jahrhundert kam ein Prozess in Gang, der zu einer zunehmenden Marginalisierung des Abendmahls führte. Schon früher hatte eine tiefgehende Umdeutung eingesetzt: Man verstand das Abendmahl als eine menschliche Handlung, als Feier der Gemeinschaft unter den Menschen -– Punkt. Aufklärer und Rationalisten lehnten die Offenheit für das Geheimnis, das Wirken des Geistes, ab. Der Glaube an die Auferstehung Christi galt ihnen als naiv; so aber war es auch mit der Präsenz des Auferstandenen aus. Sie meinten, sich auf den Kern konzentrieren zu können: eine Gemeinschaft stiftende Feier.

    Immanuel Kants Gedanken kamen durch Friedrich Schleiermacher (1768-1834) in der Theologie an: Alles wird durch das Subjekt vermittelt. Es ist bezeichnend, dass Schleiermacher den Begriff Gottesdienst durch «Kultus» ersetzte: was Menschen mit ausgeprägtem religiösem Selbstbewusstsein tun. Der Heilige Geist ist bei Schleiermacher der Gemeingeist der Kirche –- er wirkt nicht eigenständig.

    Abendmahl als gemeinschaftliche Selbstvergewisserung?
    Ja. Dieser Gedanke wird von Nachfahren Schleiermachers bis heute vertreten: dass das Abendmahl in erster Linie -– oder gar ausschliesslich –- der Beheimatung, der Stärkung der eigenen Identität dient. Die anthropologische Dimension wird betont; die andere Seite –- das Geheimnis des Abendmahls -– gilt der wissenschaftlichen Theologie im deutschen Sprachraum als zu wenig greifbar.

    Ist das Abendmahl die Feier der Feiern?
    Die Taufe darf man auch nicht vergessen. Doch ist sie ein einmaliges Ereignis. Das Abendmahl ist hingegen dazu da, dass es wiederholt gefeiert wird. Fünfmal im Jahr, meinte Zwingli. Mindestens wöchentlich, empfahl Calvin, als Wegzehrung. Die Taufe als Feier des neuen Lebens in Christus, das Abendmahl als Nahrung für den Glauben, als Stärkung des inneren Menschen auf dem Weg.

    Eine Feier nicht nur für hohe Feiertage.
    Ja. Doch damit kommt die Frage auf, ob es auch eine Inflation des Abendmahls geben kann. Kann es, im Alltag gefeiert, zu alltäglich werden? Droht ein Zwang, es zu feiern? Doch wir sollten uns von dieser Gefahr nicht davon abhalten lassen, das Abendmahl häufiger zu feiern. Und zwar auf eine Weise, die das Geheimnis, die sakramentale Komponente mehr zum Ausdruck kommen lässt.

    Auch in der Häufigkeit scheint es heute weniger Anlass zu geben zur Abgrenzung von der römisch-katholischen Praxis.
    Zu beachten ist, dass Calvin und auch Zwingli das Volk häufiger zum Abendmahl riefen als die katholischen Priester ihrer Zeit. Messen wurden täglich gefeiert –- vom Priester mit seiner Assistenz. Die Teilnahme von Gläubige war zweitrangig. Sie kommunizierten sehr selten, auch wegen der Beichtpflicht.

    Was legt der Dozent in praktischer Theologie Luca Baschera Kirchen- und Gemeindeleitern ans Herz?
    Zum einen Klarheit über die Elemente, die unbedingt zu einer Abendmahlsfeier gehören: Brot und Wein/Traubensaft werden unter Menschen geteilt, mit einem eindeutigen Bezug zur Einsetzung der Feier durch Jesus, möglichst durch Zitierung seiner in der Schrift wiedergegebenen Worte. Ich gehe davon aus, dass dies an den meisten Orten geschieht. Schliesslich darf auch die Bitte um Herabsendung des Heiligen Geistes (Epiklese) nicht fehlen, denn das Abendmahl wird –- wie gesagt –- erst dadurch zum Sakrament, dass Gott der Heilige Geist das Zusammentreffen der zwei Wirklichkeiten, der irdischen und der himmlischen, bewirkt.

    Zum anderen bin ich immer mehr davon überzeugt, dass man nicht sinnvollerweise die Gemeinde als Hauptakteurin des Gottesdienstes bezeichnen kann, wenn sie nicht genau weiss, was in ihm geschieht. Die Kenntnis wächst mit der Wiederholung des Gleichen. Zudem gilt es, an der Basis, sozusagen «von unten», die Agende als für alle greifbare «Partitur» des öffentlichen Gottesdienstes wiederzuentdecken. Vielleicht könnten sich einzelne Gemeinden -– oder auch Verbünde von Gemeinden -– darüber Gedanken machen: Wie kommen wir dazu, den Gemeindegliedern eine Partitur in die Hand zu geben, damit sie Orchester im Gottesdienst werden können, damit die Teilnehmenden zum liturgischen Musizieren kommen, wirklich Hauptakteure sind und nicht nur Publikum?

     

    Luca Baschera
    *1980 in Pinerolo, Piemont, aufgewachsen in der Waldenserkirche.
    Ab 2003 Assistent von Prof. Emidio Campi in Zürich. Dr. phil. 2008. Seit 2010
    Assistent von Prof Ralph Kunz. 2015 Venia legendi in praktischer Theologie. Privatdozent.

    Das Interview erschien in leicht gekürzter Form im LKF-Bulletin 1 2016.