Thesen zu Rang und Geltung der Heiligen Schrift

Prof. Harald Seubert von der STH Basel hat in der Perspektive reformatorischer Theologie acht Thesen zur Autorität der Heiligen Schrift zusammengestellt.

1. Eine evangelikal-reformatorische Theologie geht von der Geltung und Autorität der Bibel als Wort des dreieinigen Gottes aus. Dies verweist fundamental auf den Vorrang des Wortes Gottes gegenüber eigener Meinung und Theoriebildung. Der Text kommt dem Ausleger immer zuvor. Er hat eine Substanz und Kraft, die nicht aus menschlichen Intentionen herrührt.

Deshalb ist die Bibel nicht eine Schrift wie andere Schriften auch. Sie spricht in unterschiedliche Zeiten hinein und realisiert sich in ihnen als das eine Wort Gottes. Damit ist das sola scriptura der Reformatoren auch nach 500 Jahren uneingeschränkt zu teilen und zu bejahen. Es besagt, dass jedes christliche Bekenntnis, jede christliche Lehre an der Schrift, der norma normans, ihre Norm finden und als norma normata verstanden werden muss.

2. Hier ist das Erbe der Reformation von bleibender Bedeutung. Das Zweite Helvetische Bekenntnis betont, dass die Bibel das Wort Gottes ist – also keineswegs es nur enthält. Dieses Bibelverständnis strahlt auf das Selbstverständnis der Theologie im Grundsätzlichen aus und macht sich auch in der Art geltend, wie in ihren verschiedenen Fachbereichen geforscht und gelehrt wird.[1]

3. Der Interpret wird vom biblischen Text auch seinerseits angeredet und verändert. Zwar ist wissenschaftliche Exegese um die Klärung der Sprechsituationen, Kontexte und Verweisungen bemüht. Sie unterscheidet sich, in dem sie dies ausdrücklich macht, von der Schriftlesung des Gläubigen. Sie hat aber dem Schriftverständnis der Gemeinde auch zu dienen. Grundsätzlich ist die Achtung vor der Autorität des Wortes Gottes in jedem Fall zentral.
Hilfreich bleibt daher auch die Begründung des Theologiestudiums im Sinn der Reformation auf die Dreiheit von «Oratio-Meditatio-Tentatio».[2] Der Umgang mit dem Wort Gottes ist wissenschaftlich. Er muss aber zugleich geistlich sein.

4. Geltung und Autorität des Schriftwortes sind nicht nach Kriterien und Massstäben zu relativieren, die aus subjektiven Empfindungen, Erwartungen oder dem Zeitgeist genommen sind. Autorität über ihre Interpretationen beansprucht die Schrift. Dies folgt wiederum dem reformatorischen Verständnis. Die Schrift ist, wie Luther gegenüber dem päpstlichen Lehramt betonte, «sui ipsius interpres».[3]

Die Mitte der Schrift ist Jesus Christus selbst. Gerade deshalb kommt es darauf an, diese Mitte in Christus niemals im Sinn einer «billigen Gnade» (Bonhoeffer) misszuverstehen, sondern im Ganzen der Lehre Jesu Christi (dem Ruf zu Busse und Umkehr), seinem Handeln und seinem Leiden, Sterben und seiner Auferstehung und der Verheissung seiner Rückkehr.

Martin Luther hat diesen inneren Kanon in der Heiligen Schrift benannt als das, «was Christum treibet». «Das Wort ist die Stimme, die da sagt: Christus ist dein eigen mit Leben, Lehren, Werken, Sterben, Auferstehen und allem, was er ist, hat, tut und vermag.»[4]Es geht also nicht um ein formales, nur behauptetes «Schriftprinzip», sondern um die konkrete  Bezeugung Jesu Christi in seinem Wort und das Handeln des dreieinigen Gottes durch dieses Wort. Die Konzentration auf Christus wird daher auch nicht eine ‹Verdünnung› und ‹Relativierung› des ‹biblischen Kanons mit sich bringen, sondern in der Vielstimmigkeit des Wortes Gottes wird die christozentrische Einheit der Heiligen Schrift sichtbar.

 

Von dieser Mitte formt und normiert die Bibel daher auch das menschliche Leben, sie zeigt die Errettung von den Sünden, die Erwartung des Gerichtes und die Errettung durch den Glauben an Christus. Damit führt sie zugleich zur Erkenntnis der Sünde und zur Verheissung von Rettung und Leben.

Die lutherische Reformation hat dies so auf den Begriff gebracht, dass das Wort Gottes als Gesetz (mahnend, warnend, zurechtweisend) und als Evangelium erscheinen kann. Dabei ist auch nach reformatorischer Lehre keineswegs das Alte Testament auf das Gesetz, das Neue Testament auf das Evangelium festgelegt. Die Einheit der ganzen Heiligen Schrift, der Zusammenhang von Altem und Neuem Testament ist dabei festzuhalten.

Prof. Harald Seubert lehrt an der STH Basel.


5. Der Buchstabe der Heiligen Schrift ist die Grundlage von Predigt und Verkündigung. Der Geist kann ohne die treue Bindung an den Buchstaben nicht beansprucht werden. Deshalb müssen Bekenntnis, Lebensführung und Gemeindeordnung an den biblischen Massstäben orientiert sein. Grundlegend für das Theologiestudium ist insofern eine gründliche Exegese, die dem Wort Gottes Vertrauen schenkt und zugleich wissenschaftlich fundiert am Urtext orientiert verfährt.

6. Diese wissenschaftliche Schriftauslegung ist aber nicht Selbstzweck. Sie muss «dem Glauben gemäss» sein (Römer 12,6). Sie wird dann die Gemeinde bauen und die Kirche aus den Völkern sammeln (Mission), in der Nachfolge Jesu Christi und der Erwartung seiner Wiederkehr. Im Bereich der Theologie bildet die Kenntnis des Wortes Gottes den Massstab für die anderen Fachbereiche: für die Beurteilung der Kirchen- und Dogmengeschichte, die Aufstellung von dogmatischen und ethischen Lehrgebäuden und ihrer Reflexion, das konkrete Handeln von Kirche und Gemeinde, die Massstäbe für Mission, Kenntnis der Weltreligionen und der Vernunft.

Die Bekenntnissituation der Reformation ist strukturell in einer erstaunlichen Hinsicht vergleichbar mit heutigen Bekenntnissituationen: Sie richtet sich einerseits gegen Agnostizismus und skeptischen Humanismus (Erasmus von Rotterdam), andererseits gegen den Anspruch von römisch-katholischer Kirche und Papsttum, den Interpretationsprimat über die Schrift zu haben, schliesslich aber auch gegen «Schwärmer» (Spiritualisten und Enthusiasten). In diesem Sinn wird auch heutige schriftgegründete Theologie sowohl einem Agnostizismus als auch formal verhärteten Formen des Christseins ebenso begegnen müssen wie der Erwartung von Privatoffenbarungen und selektiven Auslegungen.

7. Eine derart dem Wort Gottes trauende Schriftauslegung ist nicht «vormodern» und etwa «nach der Aufklärung» nicht mehr möglich. Sie wird aber Anlass geben, sich mit den Prämissen der Aufklärung und der historischen Kritik umfassend, auch ideengeschichtlich am Problem von Glaube und Vernunft orientiert, auseinanderzusetzen, ohne diese Prämissen unkritisch zu teilen. Damit nähert sie sich Karl Barths Diktum, wonach die kritischen Theologen kritischer sein müssten.

8. Schliesslich kann man den Kern der lebendigen Autorität des Wortes Gottes kaum besser ausdrücken als mit Luther, der festhält, der biblische Text sei «das rechte Gnothi seauton»:[5] Also das eigentliche Mittel zur Selbsterkenntnis, auf die die griechischen antiken Philosophenschulen abzielten.


Dr. Harald Seubert ist seit 2012 Professor für Philosophie und Religionswissenschaften an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule (STH) Basel. Seit 2016 präsidiert er die Internationale Martin-Heidegger-Gesellschaft.

 

[1] siehe den Aufsatz des Autors im geplanten programmatischen Sammelband der STH Basel, die sich diesem Schriftverständnis verpflichtet weiss.

[2] Gebet, Meditation, Anfechtung. In: Luther über das Studium der Theologie, 1539,

[3] «Die Schrift legt sich selbst aus». Luther, Assertio omnium articulorum, 1520, WA 7, 97, 19 ff.  

[4]   Luther, Vorrede auf das Neue Testament. WA DB 6, 9, 18 f.

[5] «Erkenne dich selbst!»: altgriechische Inschrift vom Tempel von Delphi, zitiert von Luther in: Bibelvorreden, Wa DB 10,  98 ff.