Was die Reformatoren begeisterte

«Religion an sich ist nicht lebensfördernd oder heilvoll. Es kommt auf den Inhalt an», betonte Hans-Joachim Eckstein, Neutestamentler an der Universität Tübingen, in seinem Vortrag am 10. Februar im Kirchgemeindehaus Comander in Chur. Er ermöglichte den 130 Besuchern, den Reformatoren bei ihren Entdeckungen im Römerbrief über die Schultern zu blicken.

Eckstein zeigte auf, was Martin Luther umtrieb. Sein Ringen um den gnädigen Gott ist nachvollziehbar: «Wenn wir uns vorstellen, dass da ein Übervater, ein Überlehrer im Himmel ist, der unsere Taten beobachtet, bewertet und sogar durch Wände und in unser Herz sehen kann, dann mag einer an der Religion verzweifeln.»

Dieses Gottesbild sei der Grund, warum viele Menschen sich früher oder später vom Glauben distanzierten. Der Theologe schilderte, wie Martin Luther Gott im Römerbrief als den entdeckte, der gerecht macht: Gerechtigkeit als Beziehungsbegriff.

Eckstein kam auf eine weitere Wiederentdeckung zu sprechen: die Agape, die im Liebenden selbst begründete Liebe. In der Leistungsgesellschaft kämpfe der Mensch um Anerkennung, wolle sich attraktiv darstellen. «Gottes Liebe hingegen wird nicht als eine beschrieben, die bloss unserer Schokoladenseite gilt.» Dies lässt, so der Theologe, Menschen aufblühen.

Die «verlässlichen Aussagen über Gott» im Evangelium seien das, was bleibe, wenn durch Krieg, Krankheit oder Katastrophen alles wegbreche, was eine Ahnung von Gott geben könne: die Schönheit der Natur, oder persönliche Gotteserfahrungen.

Quelle: Bündner Tagblatt, Bild: Anita Dirnberger